Wahlprüfsteine 2026

Am 20. September 2026 findet die 20. Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin statt.

Im Vorfeld tragen das Netzwerk TanzRaumBerlin und der Zeitgenössische Tanz Berlin e.V. Fragen an die Parteien heran. Die Beantwortung dieser Fragen soll Einblick in Konzepte und Vorhaben der jeweiligen Partei bezüglich dringlich anstehender Gestaltungsaufgaben im Bereich Tanz für Berlin geben.

Zeitgenössischer Tanz Berlin e.V., Vorstand: Claudia Garbe, Julia B. Laperrière, Ana Laura Lozza, Arantxa Martínez, Laurie Young, Siegmar Zacharias

Netzwerk TanzRaumBerlin: ada Studio Berlin · Constanza Macras / DorkyPark · fabrik Potsdam · HALLE TANZBÜHNE BERLIN / cie.toula limnaios · HAU Hebbel am Ufer / Tanz im August · Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz Berlin (HZT) · LaborGras · Lake Studios Berlin · Mediathek für Tanz und Theater · PURPLE – Internationales Tanzfestival für junges Publikum · Radialsystem · Sasha Waltz & Guests · Sophiensæle · Staatsballett Berlin · Tanzfabrik Berlin e.V. · Tanzhalle Wiesenburg · TanzTangente · TanzZeit e.V. · Uferstudios · Zeitgenössischer Tanz Berlin e.V.

 
Wahlprüfstein 1: Strukturelle Stärkung des Tanzes
Strukturell gliedert sich die Sparte Tanz in Berlin wie folgt auf: 1. in vier institutionell geförderte Compagnien mit eigenen künstlerischen Handschriften (darunter das Staatsballett Berlin als Teil der Stiftung Oper ohne eigene Bühne), 2. in eine zwar breite, aber sehr fragil aufgestellte dezent-rale Infrastruktur der Produktionsorte und Spielstätten, die weitgehend privatwirtschaftlich organi-siert ist, 3. in eine 2500 Akteur*innen starke Künstler*innenschaft, von denen 2300 als Soloselbst-ständige unter hoch prekären Arbeitsbedingungen die künstlerische Vielfalt des Tanzes in Berlin prägen. Ca. 1800 Vorstellungen zählt der Berliner Tanzkalender pro Jahr, der enorme Output so-wie die ästhetische und künstlerische Diversität der Berliner Tanzkünstler*innen strahlen durch unzählige nationale und internationale Gastspiele weit über die Hauptstadt hinaus und gelten welt-weit als einmalig.
Wie viel aber ist der Tanz der Stadt Berlin wert? Die Förderung des Tanzes mit all seinen Künst-ler*innen und Einrichtungen nimmt im Berliner Kulturhaushalt 3% ein, in der Maßnahmengruppe der Darstellenden Künste MG 02 „Bühne/Tanz“ ist der Tanz neben den beiden weiteren (Bühnen-)Sparten Theater und Oper mit ca. 9% deutlich unterrepräsentiert. Der Tanz in Berlin ist nicht insti-tutionalisiert und kämpft seit Jahrzehnten um die Auflösung dieses strukturellen Defizits.

  • Inwieweit setzt sich Ihre Partei für die Behebung des strukturellen Defizits im Tanz ein? Mit welchen Maßnahmen plant Ihre Partei, den Tanz zu stärken und seine unzureichende Finan-zierung im Kulturhaushalt auszugleichen
  • Inwieweit setzt sich Ihre Partei für den Erhalt der einmaligen dezentralen Struktur Berliner Tanzorte ein und macht sich gleichzeitig stark für das seit Jahrzehnten geforderte – und seit dem Runden Tisch mit Konzeptpapieren konkretisierte – Vorhaben eines Berliner Hauses für Tanz und Choreografie inklusive TanzArchiv und Tanzvermittlungszentrum?
  • Der Tanz ist als Raumkunst auf bezahlbare, temporär wie langfristig anzumietende Arbeits-räume angewiesen. Welche Arbeitsraumpolitik verfolgt Ihre Partei? Über die Standortsicherung hinaus, wie stellen Sie den Ausbau des Arbeitsraumprogramms sicher?

 

Wahlprüfstein 2: Sicherung des künstlerischen Arbeitens
Kulturförderung hat die Aufgabe, professionelles künstlerisches Arbeiten als vollständige Er-werbsbiographie über alle Altersstufen hinweg anzuerkennen. Dies bedeutet, Arbeit an den Institu-tionen wie in der Freien Szene gleichermaßen als Teile der professionellen Kulturlandschaft zu honorieren, den Bedarfen in den unterschiedlichen Karrierestufen gerecht zu werden, den Über-gang der Künstler*innen in das und aus dem Berufsfeld strukturell abzusichern und zu begleiten und kontinuierliches, professionelles Arbeiten zu sichern.

  • Angesichts von durchschnittlich ca. 12.000 € Jahresbruttoeinkommen im Tanz, welches Mo-dell zu sozialen Mindeststandards / zur sozialen Absicherung von freischaffenden Choreo-graf*innen und Tänzer*innen verfolgt Ihre Partei?
  • Wie würde Ihre Partei sich dafür einsetzen, ein Modell zur sozialen Absicherung von Künst-ler*innen (Beispiele aus Irland, Frankreich, Belgien) auch in der Bundesgesetzgebung zu ver-ankern?
  • Im November 2025 hat der BFDK die Empfehlungen der Honoraruntergrenze für freischaffen-de Künstler*innen in Anlehnung an die angehobenen Mindestgagen im NV Bühne erhöht. Wie stellt Ihre Partei eine faire Entlohnung für professionelle künstlerische und kulturelle Arbeit in den Darstellenden Künsten auch über diese Mindeststandards hinaus sicher, in der die Absi-cherung von Lebensrealitäten wie Krankheit, Elternschaft, Care-Arbeit, Berufsunfähigkeit, das Risiko von Altersarmut als Teil der Kulturförderung mitgedacht wird?
  • Wie würde Ihre Partei ein dynamisches Fördersystem konzipieren, das auf schwankende Entwicklungen von Inflation, Mietsteigerung, Tarifentwicklung etc. z. B. durch dynamische In-dexierung von Fördertöpfen/Zuwendungen reagiert (Kopplung von Mindesthonoraren an Tari-fentwicklung, Indexierung von Sachkosten / Mietpreisanpassung)?

 
Wahlprüfstein 3: Distribution & Sichtbarmachung des Tanzes
(Inter)nationale Gastspiele und Vernetzung stellen ein wichtiges Standbein für die wirtschaftliche Unabhängigkeit und Entwicklung von Compagnien und freien Choreograf*innen dar. Das Ende des Distributionsfonds (Maßnahme aus dem Runden Tisch Tanz) zur Unterstützung von Künst-ler*innen in der inter-/nationalen Vernetzung und Akquise, die Streichung des Förderinstruments Reisekostenzuschüsse für Auslandsvorhaben sowie das Aus der Onlineplattform www.tanzforumberlin.de, die ein wichtiger Motor der Vermarktung von Berliner Künstler*innen war, schaden der Branche massiv.

  • Mit welchen Maßnahmen stellen Sie sicher, dass der Tanz/die Darstellenden Künste jenseits der üblichen projektgeförderten 2-4 Vorstellungen nachhaltig produzieren und sichtbar in der Stadt Berlin wirken kann?
  • Mit welchen Maßnahmen stellen Sie sicher, dass der Tanz aus Berlin sein weltweites Renom-mee halten und inter-/national ausstrahlen kann?
  • Wie sichern Sie zukünftig die Sichtbarmachung des Tanzes aus Berlin analog und digital?

 
Wahlprüfstein 4: Transparenz
Die Kunst- und Kulturszene ist im Zuge von Fördermittelaffären und versuchter oder tatsächlicher Einflussnahme durch die Politik an Kulturprogrammen auf Landes- und Bundeseben stark verun-sichert.

  • Wie setzt sich Ihre Partei weiterhin für die Kunstfreiheit ein und stellt die Umsetzung des Arti-kels 5 des Grundgesetzes sicher? Welche Strategien sehen Sie im Zusammenschluss der demokratischen Parteien im bestehenden Kulturkampf von rechts?
  • Wie stellen Sie sicher, dass politische Einflussnahme auf Kunst- und Förderprogramme verhin-dert wird?
  • Wie unterstützen Sie die Kulturverwaltung, jurierte Verfahren umzusetzen und vor politischer Einflussnahme zu schützen?
  • Wie stellen Sie die Verbindlichkeit von partizipativen Prozessen und ihren Gutachten wie dem Runden Tisch Tanz sicher?

 
Wahlprüfstein 5: Diversität
Der Tanz mit seinen Akteur*innen ist in seiner Vielfältigkeit wie kein anderes Genre ein Spiegelbild der Stadtgesellschaft. Mit Pilotprojekten wie dem mittlerweile bundesweiten Netzwerk MAKING A DIFFERENCE und dem aus dem Runden Tisch Tanz hervorgegangenen Programm IMPACT-Förderung hat er in den letzten Jahren wegweisende Maßnahmen zum Abbau von Barrieren und Möglichkeiten der Teilhabe in der Kunst hervorgebracht.

  • Wie wollen Sie nachhaltige Konzepte für den Abbau von Barrieren umsetzen? Welche Rolle spielen für sie dabei Programme wie MAKING A DIFFERENCE und die IMPACT-Förderung?
  • Wie sorgt Ihre Partei dafür, dass sich die Vielfalt der Stadtgesellschaft in der Kulturförderland-schaft abbildet?

 
Wahlprüfstein 6: Verbindlichkeiten für die Berliner Kunst und Kultur

  • Wie würde sich Ihre Partei dafür einsetzen, die Punkte 1-5 rechtlich verbindlich im Rahmen ei-nes Kulturfördergesetzes zu implementieren? In welcher Zeitschiene innerhalb der nächsten Legislatur und mit welchem Verfahren planen Sie die Implementierung des Kulturfördergesetzes?
  • Ursprünglich war die City Tax als Kulturabgabe geplant: 100% für Kultur und davon 50% für die freie Szene. Wie würde sich Ihre Partei dafür einsetzen, die Punkte 1-5 finanziell durch eine deutliche Anhebung des Kultursatzes der City Tax abzusichern?
  • Sind sie der Meinung, dass der Kulturbereich seiner Bedeutung für Berlin entsprechend vom Sondervermögen des Bundes profitieren sollte und welche Maßnahmen erachten sie in diesem Zusammenhang über die bereits getroffenen Schwerpunktsetzungen hinaus für sinnvoll?